Was ist Musik? (What is music?)
Gesternabend ist die Frage aufgeworfen worden, ob meine Kompositionen eigentlich Musik seien, da sie sich in vieler Hinsicht von den alten und populären Werken, die das Verständnis des Begriffes für die meisten Menschen prägen, stark unterscheiden. Daraus entstand die Frage im Titel dieses Eintrages.
Bevor ich aber dieses Thema angehe, möchte ich zuerst verdeutlichen, dass es eigentlich keine feste, objektive Definition für einen Begriff geben kann, der etwas so Umfassendes und mit der menschlichen Existenz Verbundenes in zwei Silben wiederzugeben sucht. Hier werden zwei mögliche Definitionen geboten.
Die erste Möglichkeit: Im deutschen Wikipedia-Artikel wird Musik als die organisierte Form von Schallereignissen definiert. Gestern habe ich selber etwas ähnliches gesagt. Wie aber eine meiner gestrigen GesprächspartnerInnen einwand, ist auch die Sprache eine (von Menschen) organisierte Form von Schallereignissen. Zudem könnte man Autogeräusche und andere Schallergebnisse menschlicher Technologie als Musik bezeichnen, da sie organisierten Verfahren entstehen. Noch dazu kommen, wenn man an die Existenz eines intelligenten Schöpfers glaubt, alle Klänge der Natur. Dieser Gedankenfaden führt also zur Idee, dass aller Klang Musik ist. John Cage scheint sehr stark dieser Meinung gewesen zu sein. Einst fragte er (das Originalzitat ist unten im englischen Teil):
Was ist musikalischer, ein LKW, der an einer Fabrik vorbeifährt, oder einer, der an einer Musikschule vorbeifährt? Sind die Menschen in der Musikschule musikalisch und die draußen unmusikalisch?
Ich verstehe Cages Worte als eine Andeutung davon, dass alle Musik letztendlich Klang sei, gleich ob wir Menschen ihn auf eine Weise oder eine andere zu organisieren neigen, und dass dieser Unterschied sehr subjektiv und schließlich für die Bewertung von Klängen nicht von Belang sei.
Eine zweite Möglichkeit: Wir definieren Musik wieder als die organisierte Form von Schallereignissen im Rahmen der Kunst. Was bestimmt also, ob Schall künstlerisch behandelt wird oder nicht? Da der Begriff Kunst dem der Künstlichkeit verwandt ist, kann er sich nicht auf in der Natur vorhandene Schallereignisse beziehen, sondern nur auf von Menschen organisierte. Noch möchte ich aber ein zweites Kriterium dieser Definition beifügen: Der Zweck jener Organisation. Oscar Wilde schrieb:
Wir können einem Mann das Erschaffen eines nützlichen Dinges verzeihen, solange er dieses nicht bewundert. Die einzige Rechtfertigung dafür, ein nutzloses Ding zu erschaffen, ist dass man es äußerst bewundert.
Ein Kunstwerk besteht also darin, dass es keinem praktischen Zweck dient. Unter dieser Definition von Musik scheidet Sprache aus, da sie in erster Linie dem Zweck der Kommunikation dient. Dabei scheiden auch andere Schallereignisse aus, die als Ergebnis anderer Vorgänge entstehen, wobei man auch erkennen müsste, dass auch unter dieser Definition von Musik, man immer noch nicht darauf bestehen könnte, musikalische Schallereignisse seien schöner als nichtmusikalische; denn die Absicht hinter einer Sache entspricht nicht unbedingt deren Schönheit.
Gesternabend habe ich ungerechterweise gesagt, John Cage habe 4’33 „komponiert” (mit Fingeranführungszeichen), da dieses Stück bloß aus Pausen besteht. Da aber der Komponist zielbewusst die Klänge der jeweiligen Umwelt hervorhebt, und da das Stück einem rein ästhetischen Zweck dient, nämlich, das Publikum auf die aufmerksam zu machen, was dieses sonst nicht wäre, ist es durchaus eine Komposition, bzw. eine künstlerishe/künstliche Organisation von Schallereignissen. Und wenn man sich der Meinung Morton Feldmans anschließt, dass es des Künstlers Pflicht sei, Trugbilder über Dinge abzustreifen, wird 4’33 um so belangvoller als musikalisches Kunstwerk, da, mit diesem Stück, Cage die althergebrachten Definitionen von Musik infrage stellt.

Yesterday evening, the question was raised, whether my compositions are actually music, seeing as they are in many respects very different from old and popular works, which for most people characterize the understanding of the term. Out of this discussion emerged the question in the title of this entry.
Before I address this theme, I would like to first make clear, that there cannot actually be a fixed, objective definition for a term, that seeks to describe in two syllables something so comprehensive and connected to human existence.
The first possibility: In the german Wikipedia article, Music is defined as the organized pattern of sound events. Yesterday, I said something similar. Yet, as one of my conversation partners objected, language is also an organized pattern of sound events. In addition, one could designate automobile noises and other sonic results of human technologie as music, as they are a result of organized processes. And furthermore, if one believes in the existence of an intelligent creator, we can add all the sounds of Nature to the list. So this train of thought leads to the idea, that all sound is music. John Cage seems to have been very strongly of this opinion. He once asked:
Which is more musical, a truck passing by a factory or a truck passing by a music school? Are the people inside the school musical and the ones outside unmusical?
I understand Cage’s words to suggest, that all Music is in the end Sound, regardless of whether we humans tend to organize this sound in one way or another, and that this difference is very subjective and not relevant for the assessment of the value of sounds.
A second possibility: We define Music as the organised pattern of sound events in the context of art. So what determines, whether or not sound is treated artistically or not? Since the term Art is related to that of artificialness, it cannot refer to sound events which are present in nature, rather only those organized by humans. I wish, however, to add a second criterium to this definition: The purpose of said organization. Oscar Wilde wrote:
We can forgive a man for making a useful thing as long as he does not admire it. The only excuse for making a useless thing is that one admires it intensely
So a work of art consists largely in not having a practical purpose. Under this definition of music, language is eliminated, as it serves first and foremest the purpose of communication. Other sound events, which come into being as the result of other processes, are likewise eliminated, whereby one must recognize, that even under this definition of music, one cannot insist that musical sound events are superior to non-musical sound events; for the intention behind a thing does not necessarily correspond to its beauty.
Yesterday evening, I unjustly said that John Cage “composed” (with finger-quotation-marks) 4’33”, since this piece consists of only rests. Seeing as, however, the composer purposefully highlights the sounds of the respective environment, and seeing as the piece serves a purely aesthetic purpose, namely, to make the audience pay attention to these sounds, which it would otherwise not do, the piece is by all means a composition, or an artistic/artificial organization of sound events. And if one shares the opinion of Morton Feldman, that it is the artist’s duty to strip away illusions, 4’33” becomes all the more relevant as a musical work of art, since with this piece, Cage puts into question the established definitions of music.